Spiegel Online – und was Sie sonst noch nicht lesen müssen

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Unlängst “witzelte” ich auf Twitter und schaffte es mit einem Tweet auf tagesspiegel.de – beispielhaft dafür, wie Journalismus heute funktioniert. Man geht auf Masse. Masse um den Preis der Klasse. Das Internet will befüllt werden und nur wer die Leser füttert, wird nicht verhungern. Es gilt, die Nachrichtensucht der Menschen zu befriedigen. Mit Artikeln wie “Netzgemeinde spottet ‘Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen” wird die Zeitlücke gefüllt, in der es keine echten Nachrichten zu geben scheint. Eine halbherzig hinformulierte Link- und Zitatsammlung. Rasch aus dem Netz gefischt und in 20 Minuten leicht behandelt zurückgeworfen. Des Users Meinung muss für manches herhalten. Der Online-Redakteur ist dankbar und findet alles, was er gerade braucht, um zu belegen, was man behauptet oder vom Chefredakteur vorgegeben wird. Meiden Sie solche Artikel, Sie erfahren nichts!

Wie meinen Sie?

Etliche Onlinemedien bedienen sich des Mittels der Umfrage via Klick, um ihren Lesern auf den Zahn zu fühlen und die Möglichkeit der Beteiligung vorzugaukeln. Dann schaut man, wie das Ergebnis aussieht, und je nachdem, wo das Blatt politisch steht, wird entschieden, ob man für oder gegen die Leserschaft arbeitet. Man schreibt in der Regel für sie, auch wenn Onlineumfragen keine Aussagekraft haben, denn sobald irgendwo abgestimmt wird, wird in den Sozialen Netzwerken mobil gemacht. Jeder für seine Sache. Dann heißt es: verlinken, weiterleiten und “Stimmt bitte ab!” Die Manipulationsquote ist hoch. Leser wissen das. Aber irgendwie bleibt eben doch was hängen und trägt zur Meinungsbildung bei. Inwiefern und ob Redaktionen einen Anteil an Manipulationen haben, ist spekulativ. Sie hätten in jedem Fall leichtes Spiel. Falls Sie wert auf Volkes Meinung legen, Finger weg von Online-Abstimmungen! (Und schauen Sie auch nicht in den Videotext einiger Privatsender, wo man die SPD via Telefon auf 70 Prozent bringen kann!)

More is more – Spiegel Online, das Masse-Medium

Kommen wir zurück zur Masse und zum Paradebeispiel Spiegel Online. In den letzten 24 Stunden wurden dort über 100 Artikel veröffentlicht. Das Leitmedium, das Qualitätsmedium: Ein Masse-Medium! Ob es für deutsche Leser relevant ist, dass bei einem neuseeländischen Ballonunfall im Januar Canabis im Spiel war? Ob durchgekaut werden muss, was sich Anne Will und Gäste am Abend zuvor lieferten? Spiegel-Journalisten besprechen unheimlich gern das Fernsehen und sagen, dass es ihnen nicht gefällt. Früher gab es dafür Kommentare. Heute Meinung im Gewand einer Meldung. Wer braucht solche Artikel, wer will sie? Zahlen würde dafür wohl niemand, aber online nehmen wir sie mit. Und SpOn hat wieder einen Artikel mehr. Und dann noch die hochgekochte Geschichte vom Herrn Röttgen, der sich verhaspelte. Nein, er hat nicht den Holocaust geleugnet! Es scheint alles viel schlimmer. Und irgendwas über Justin Bieber hatte Spiegel Online auch zu berichten.

Die Suche nach Exklusivität, nach höchster Qualität, die ein Leitmedium ausmachen, führt in einen riesigen Haufen, dessen Definition die Hausaufgabe des Lesers sein sollte. Nirgends eine Meldung, die man nicht auch andernorts hätte lesen können. Spiegel Online ist verzichtbar. Focus.de, Stern.de und wie sie alle heißen, schreiben dieselben Agenturmeldungen um und eh voneinander ab.

Internetnutzer B. (ein Freund, man fragt immer zuerst Freunde, die man ggf. auch verlinkt) zur Bedeutung von SpOn für sein Informationsbedürfnis:
“Da geh ich rauf, wenn ich Langeweile hab und ärger mich.” Nachrichten bezieht der unternehmungslustige Kosmopolit und Wahlschweizer, der übrigens grandios fotografiert, vor allem aus Blogs und über Twitter.

Alle Wege führen zu SpOn

Der Leser vertraut darauf, dass weiterführende Links für ihn einen Mehrwert, eine Bereicherung darstellen oder Quellen belegen. Man verlinkt, wenn nicht etwas ausnahmsweise tatsächlich Außergewöhnliches passiert, in der Regel auf vertrauenswürdige und befreundete Seiten, die man besonders mag. SpOn liebt sich über alles. Im oben erwähnten Artikel über Röttgens “Patzer” wurden fünf Links gesetzt. Vier führen direkt zu Spiegel Online, einer zur ZDF-Mediathek. Hinter drei der vier auf SpOn geleiteten Links stehen Artikelsammlungen zur Person und der jeweilige Wikipedia-Link. Spiegel Online beruft sich gern auf sich selbst. Ist es das, was man mit Exklusivität meint? Man bleibt unter sich und spielt an sich rum. Im Zeitalter sozialer Medien ein vorsätzliches Vergehen.

Ohne Frage, es ist das Internet, da wird halt verlinkt. Wer weist sich nicht selbst am liebsten als zuverlässige Quelle aus? Aber gibt es keine anderen Götter? Sollte man nicht hin und wieder vom Ross steigen und dorthin verlinken, woher die Informationen stammen? Das wäre wirklich leserfreundlich, aber die Gefahr, einige Besucher einzubüßen, scheint Spiegel Online zu groß. Obwohl man sich nach außen unverzichtbar gibt, scheint im Innersten eine große Unsicherheit vorzuherrschen. Man muss ja nicht gleich auf BILD verlinken!

Manchmal, ganz selten, kommt es zu unerklärlichen Kuriositäten wie dem Artikel über Obamas riskantes Coming Out, der Stoff und Platz für dutzendfache Verweise geboten hätte, aber nicht einen einzigen beeinhaltet. So wirkt er wie ein Zeitungsartikel, einer auf Papier, und irgendwie finde ich das gar nicht so schlimm.

Mal nicht irgendwas lesen müssen, weil der Link einen so anlacht oder der Jauch einen ja mal für 500 Euro dazu befragen könnte.
Geschichtsfrage. Oh Gott! “Wohin führen sprichwörtlich alle Wege?”
A) in den Wald, B) nach Aldi, C) zu SpOn, D) über Wipperfürth.
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